Surfen an der Lower East Side Europas

Inke Arns / Andreas Broeckmann (Berlin / Rotterdam)

Das Internet, von US-amerikanischen Militaerstrategen erfunden und von 
Wissenschaftlern, Medienaktivisten und kommerziellen Anbietern zu einem 
immensen, internationalen Kommunikationsnetz ausgebaut, dringt langsam auch nach 
Osteuropa vor. Telefon-verbindungen werden verbessert, bezahlbare Computer 
erreichen den Konsumentenmarkt, lokale BBS-Systeme werden zu groesseren 
Komplexen verknuepft und an das Internet angeschlossen - Osteuropa geht online.

Damit kommt ein alter Traum europaeischer Intellektueller seiner Verwirklichung 
wieder mal ein Stueck naeher - obwohl die Erfahrungen dieses Jahrhunderts gezeigt 
haben, dass diese Entwicklung sich durchaus auch wieder umkehren kann: Auf dem 
Internet entsteht, wie in einem kleinen Biotop, ein Europa der offenen Kanaele, des 
freien kulturellen Austauschs, der die Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen 
anerkennt, dabei aber die trennenden, nationalen Territorialgrenzen ignoriert. Wer die 
Tuecken der Computersoftware und der Modemverbindungen akzeptieren kann, und 
wer der neuen Bastardsprache des Euro-English maechtig ist - jenes Englisch, das 
Russen, Spanier und Niederlaender teilen und das den Muttersprachlern 
Zaehneknirschen bereitet -, der kann auch in Osteuropa schnell einen Teil der neuen, 
translokalen Internetgemeinschaft ausmachen.

Das Internet ist nicht nur eine technische Struktur, sondern auch ein Netzwerk von 
Menschen, die in vielerlei Projekten und Initiativen neue Formen der Kommunikation 
und Zusammenarbeit entwickeln. Brechen wir also auf zu einem Streifzug entlang 
einiger Knoten der neuen europaeischen Netzwerke.


Connect: Zagreb ruft Belgrad

Noch bevor der Krieg im zerfallenden Jugoslawien tatsaechlich ausbrach, wurde die 
Kommuni-kation zwischen den Republiken innerhalb kurzer Zeit bis zur 
Unmoeglichkeit erschwert. Tele-fonate zwischen Serbien, Kroatien und Slowenien 
waren nur noch nach Mitternacht, spaeter ueberhaupt nicht mehr moeglich. Familien, 
Freunde und unabhaengige Gruppen, die in ver-schiedenen Landesteilen lebten und 
die wie auch sonst ueberall ueblich die selbstverstaendlich-sten Kontakte unterhalten 
hatten zwischen Belgrad, Ljubljana, Zagreb und Sarajevo, konnten nicht mehr direkt 
miteinander telefonieren, geschweige denn von einer Republik in die andere reisen. 

Im Sommer 1991 fuhr der Amerikaner Eric Bachman, der schon seit Jahren beim 
unabhaen-gigen Medienkollektiv Foebud in Bielefeld arbeitete, nach Zagreb, um dort 
mit den Friedens-gruppen ueber die Koordination der Kommunikation und 
gemeinsamen Friedens-aktivitaeten zwischen unabhaengigen Gruppen im ganzen 
ehemaligen Jugoslawien zu sprechen. Zuerst wurde ein Fax-Netzwerk eingerichtet, 
bei dem z.B. serbische Gruppen ein Fax nach Deutsch-land oder Oesterreich schicken 
konnten, von wo aus es nach Zagreb weitergeleitet wurde.

Nach dem gleichen Prinzip wurden bald darauf lokale BBS-Systeme in den 
verschiedenen Staedten miteinander verbunden. Mit Bachmans Hilfe wurden in 
Zagreb und Belgrad, spaeter auch in Ljubljana, Sarajevo, Tuzla, Mostar usw. Server 
eingerichtet, die gemeinsam das ZaMir Translocal Network (ZTN) bildeten, wobei 
ZaMir 'fuer Frieden' bedeutet. Ueber das ZaMir-Netz koennen E-Mail und andere 
Daten ausgetauscht werden, ohne dass man auf stabile Telefonleitungen angewiesen 
waere. Als wichtigster Knoten des Netzes dient bis heute der Bionic'-Server von 
Foebud in Bielefeld, ueber den die verschiedenen jugoslawischen Staedte miteinander 
in Kontakt treten. Mehrmals taeglich waehlen sich die lokalen Server per Modem in 
Bielefeld ein, schicken E-Mail weg und holen die neu eingetroffenen, fuer sie 
bestimmten Datenpakete ab. Bionic schickt die E-Mail heraus, die nach ausserhalb 
des ZTN gerichtet ist und deshalb ueber das Internet weitergeleitet werden muss, und 
verwahrt die Nachrichten, die fuer die anderen ZaMir-Stationen bestimmt sind, bis 
diese sich das naechste Mal einwaehlen.

Das System erlaubt kein Online-Surfen auf dem Internet oder Dienste wie IRC-Chats 
oder FTP, ermoeglichte aber einen weitgehend kontinuierlichen 
Informationsaustausch zwischen den vom Krieg getrennten Menschen im ehemaligen 
Jugoslawien. Ein Beispiel dafuer, wie hierdurch alte Kontakte erhalten und neue 
aufgenommen werden konnten, sind die Electronic Witches, ein Netzwerk von 
Frauen, das sich innerhalb von ZTN bildete. Seit 1994 hat dieses Projekt dafuer 
gesorgt, dass viele Frauen das Internet zu nutzen begonnen haben, die nun innerhalb 
des elektronischen Gespraechsforums viele Fragen ueber die Lebenssituation von 
Frauen in den ehemaligen jugoslawischen Republiken und darueber hinaus 
diskutieren konnten. Auch wenn ZTN keine 'echte' Internetkommunikation war, 
exemplifizierte es doch, wie das Netz von den amerikanischen Strategen 
urspruenglich gedacht wurde, naemlich als flexibles, strategisches Mittel, das in 
Konfliktsituationen Informationen schnell und sicher zu ueber-mitteln hilft, und das 
auch dann weiter funktioniert, wenn einzelne Knoten im Netz ausfallen. Und wenn 
der direkte Weg zwischen Zagreb und Belgrad versperrt ist, dann wird eben ueber 
Bielefeld umgeleitet.

Neben seiner Funktion als regionales Netz und unabhaengige Infrastruktur hat ZaMir 
auch dafuer gesorgt, dass viele Nachrichten ueber Ereignisse waehrend des Krieges 
schnell an die Oeffentlichkeit gelangt sind. Wam Kat, ein niederlaendischer Aktivist, 
der in Zagreb fuer ZaMir arbeitet, fuehrte lange Zeit ein Tagebuch, in dem er die 
Situation vor Ort schilderte und so eine andere Sicht auf die Dinge vermittelte - als 
ueberzeugende Alternative zu den CNN gefilterten Nachrichten.

Zamir ist auch im Sommer 1997 noch einer der wichtigsten Kommunikationskanaele 
vor allem in und nach Bosnien. Das Ende des Krieges hat die Situation zwar leicht 
verbessert, die Telefoninfrastruktur wird aber noch lange so schlecht sein, dass ein 
normaler Internetverkehr weiterhin auf sich warten lassen wird. Zwischen der Freien 
Universitaet in Amsterdam und der Universitaet in Sarajevo ist 1997 eine 
Satellitenverbindung hergestellt worden, die aber nicht fuer jedermann zugaenglich ist 
und die fuer buerokratische und technische Probleme noch sehr anfaellig bleibt.


Error: Sofioter Viren, sibirisches Eis und News aus Baku und Tirana

Mit der Entwicklung vernetzter Datenkommunikation sind natuerlich nicht nur 
Vorteile verbunden. Bis zu Beginn der 90er Jahre waren Computerviren in den 
meisten Laendern des ehemaligen Ostblocks vollkommen unbekannt. Man war sogar 
der Ueberzeugung, dass es sich dabei um ein originaer kapitalistisches Phaenomen 
handelte. Inzwischen allerdings gehoeren Bulgarien und die ehemalige Sowjetunion 
zur Weltspitze der Virenproduzenten. Vielleicht sollte man, wie der bulgarische 
Kuenstler Luchezar Boyadjiev vor kurzem angeregt hat, Viren als eine Art kreatives 
Programmieren zu begreifen, als eine kreative Betaetigung von Programmierern, 
denen sonst wenig Freiraum zur Verfuegung steht. Jedenfalls zeigt die rasante 
Verbreitung von Computerviren in Osteuropa an, wie schnell sich das Internet auch 
dort ausbreitet. Hier kommt ein genuiner Zug des Internet zum Ausdruck: die 
physische Verbundenheit von Computern in einem techno-oekologischen System.

Seit langem wird darueber spekuliert, ob das Internet tatsaechlich eine amerikanische 
Erfindung war, oder ob es nicht auch ein sowjetisches Datenkommunikationsnetz 
gegeben hat. Kathy Rae Huffman und Eva Wohlgemuth haben im Rahmen ihres 
Projektes "Siberian Deal" Ende 1995 u.a. das bei Novosibirsk gelegene 
Wissenschaftszentrum Akademgorodok besucht. Dort befindet sich das 1958 
gegruendete A.P. Ershov Institute of Informational Systems, das sich in den spaeten 
50er Jahren mit der Entwicklung extravaganter "algorithmischer" 
Programmiersprachen und seit den 60er Jahren mit theoretischer Programmierung, 
kuenstlicher Intelligenz und experimenteller Computerarchitektur beschaeftigt. Die 
Forschungsinstitute in Akademgorodok verfuegten Ende 1995 ueber eine erstaunlich 
gute connectivity. Nur wuesste, so Huffman, dort niemand so richtig, mit wem oder 
ueber was man denn eigentlich kommunizieren sollte! Wenn - wie bei den 
Wissenschaftlern im abgeschiedenen Sibirien - keine persoenlichen Netzwerke und 
Beziehungen bestehen, nuetzt auch der beste Internetzugang wenig. Es kann vermutet 
werden, dass es in der Sowjetunion doch ein dem ARPANET aehnliches 
militaerisches Netz gegeben hat, das aber nie - wie in den USA - oeffentlich 
zugaenglich gemacht worden ist. Ein Wissenschaftler aus dem militaerisch-
industriellen Umfeld wollte die Frage danach nicht verneinen, sondern orakelte: "We 
just don't know about it."

Waehrend es in Russland und in einigen der baltischen Staaten inzwischen Server, 
Provider und eine Menge web sites gibt, sind viele Laender des ehemaligen Ostblocks 
noch weisse Flecken auf der globalen Karte des Internets. Der Grund fuer den 
fehlenden Internet-Zugang in Staaten wie Weissrussland, der Ukraine, Moldawien 
oder Rumaenien ist zumeist in der noch immer vorherrschenden Monopolstellung 
einiger weniger (zumeist staatlicher) Telekommunikationsunternehmen zu sehen. 
Drazen Pantic, Internet-Koordinator des Belgrader Radios B92, reiste im April 1997 
in die azerbaidschanische Hauptstadt Baku, Stadt der tausend Oelbohrtuerme am 
Kaspischen Meer. Die dortige Zugangssituation ist symptomatisch fuer viele andere 
Laender: "The prices are out of reach for individuals. An hour of on-line usage is," - 
so Pantic -"$6-$8 and the minimal uucp rate one can pay is $600 per month plus 
additional charges per Kbyte. (...) PTT also sells a 64 kbps Internet service for $12000 
monthly. So, the exclusive users there are oil companies and their employees." In 
Azerbaidschan werden sich Computerviren demzufolge hauptsaechlich auf die 
Computer der Oelgiganten stuerzen.

Auch in Albanien sind Internetzugaenge spaerlich gesaeht. Neben den ueblichen 
schlechten Telefonleitungen gibt es einen einzigen Server, UNDP, der Universitaeten 
und NGOs vernetzt. Privatpersonen haben zu diesem Server keinen Zugang. Und ein 
AOL account in der Schweiz ist wegen der hohen internationalen Telefonkosten 
unbezahlbar. Und doch war in den ersten Tagen des albanischen Ausnahmezustandes 
Anfang 1997 der Austausch ueber E-mail eine der wichtigsten Informationsquellen, 
denn oppositionelle Radiosender und Zeitungen waren von der Regierung mundtot 
gemacht worden. Die wenigen Leute, die e-mail nutzen konnten, reichten die 
Informationen ueber die Vorgaenge an andere - on- wie off-line - weiter.

Vorsicht war jedoch geboten, denn man vermutete, dass die von UNDP rausgehende 
E-mail von staatlicher Seite 'mitgehoert' wurde.


KulturTransPort nach St. Petersburg

Im Juni 1994 fuhr die MS Stubnitz vom ostdeutschen Ostseehafen Rostock aus nach 
St.Petersburg. Das Schiff hatte frueher zur Hochseefischfangflotte der DDR gehoert, 
sollte verschrottet werden, und wurde stattdessen von einer Gruppe oesterreichischer, 
schweizer und deutscher Kuenstler zu einem Kunst-Raum-Schiff umgebaut: ein 
schwimmendes Medienlabor und Ausstellungszentrum mit Satellitenverbindung fuer 
Fernsehen und Internet, Performance-raeumen, einer zum Konferenzraum 
umgebauten Offiziersmesse und Kajueten fuer mitreisende KuenstlerInnen.

Mit der Stubnitz verband sich die Vision von kulturellem Austausch und kulturellen 
Begegnungen in Europa, die nationale, territoriale Grenzen ignorieren koennen und 
die die Offenheit und Freiheit der Meere zur kulturellen Metapher erheben. Die junge, 
alternative Kunstszene von St. Petersburg erhoffte sich, wenn schon keine Revolution, 
so doch einen wichtigen Impuls fuer die kuenstlerische Arbeit mit neuen 
Technologien.

Es wird ein rauschendes Fest waehrend der Weissen Naechte. Alla Mitrofanova und 
Irina Aktuganova von der Gallery 21 haben Ausstellungen, Performances, 
Diskussionen, Parties und Konzerte organisiert, die in gedraengter Folge stattfinden 
und beweisen, dass der Datentransfer noch immer am besten funktioniert, wenn er 
von wirklichen Menschen vermittelt wird. Innerhalb weniger Tage wird in Petersburg 
das Tor nach Westen ein gutes Stueck weit aufgerissen. Irina Aktuganova sagte 
spaeter ueber diese Erfahrung: "The Stubnitz project gave us organizers and many of 
the participants a gammut of completely new and intense experiences; for the 
majority of the Russian participants it was the first time in their lives they'd 
encountered that previously unseen 'Western' reality called the new media."

Als die Stubnitz wieder in Richtung Westen aufbrach - ihrem allzu schnellen Ende 
entgegen -, setzten sich einige der Petersburger KuenstlerInnen und TheoretikerInnen 
in den Zug nach Helsinki, wo sich, kaum 400 Kilometer entfernt, im Spaetsommer 94 
die Internationale Gesellschaft fuer Elektronische Kunst, ISEA, zu ihrer 
spektakulaeren Jahreskonferenz traf. Auch hier spielten das Internet und das World 
Wide Web als neue kuenstlerische Medien eine nicht zu uebersehende Rolle - kaum 
ueberraschend in Finnland, das seit langem als eines der am besten vernetzen Laender 
der Welt gilt. Fuer die Petersburger entsteht auf der Konferenz ein reger Austausch 
mit anderen KuenstlerInnen, u.a. mit der lokalen Organisation Muu, der in Helsinki 
mehr als 200 KuenstlerInnen aller Sparten angehoeren. Muu besitzt eine Website, die 
Russen haben Ideen und wollen gern auf's Netz - nichts leichter, als ein gemeinsames 
Kunst-projekt zu machen. Gallery 21 hat ihr erstes Internetprojekt auf einem 
finnischen Server.

Das erste unabhaengige Petersburger WWW-Projekt reist im Januar 96 auf einer 
Floppydisk zur Next 5 Minutes-Konferenz nach Rotterdam und wird von Dimitrij 
Pilikin auf dem Server der V2_Organisatie installiert. Und ab Sommer 1996 gibt es in 
St. Petersburg ein Internetcafe und kommerzielle Anbieter, die den KuenstlerInnen 
Gelegenheit geben, ihre WWW-Projekte, CUSeeMe-Konferenzen und Online-
Diskussionen auf lokalen Servern zu realisieren.

Konferenzen und Festivals, Workshops und informelle Treffen gehoeren seit Jahren 
zu den wichtigsten Katalysatoren der Verbreitung einer alternativen Medienkultur in 
Europa. Hier treffen sich Gleichgesinnte aus Ost und West, von fern und nah, und 
verknuepfen lokale Gemeinschaften mit translokalen Netzwerken. Die ZKs der 
Nettime-Mailingliste, die Metaforum Konferenzen in Budapest, Next 5 Minutes in 
Rotterdam und Amsterdam, Interstanding in Tallinn und Ostranenie in Dessau - jedes 
Jahr gibt es reichlich Gelegenheiten, um den Freunden aus Lettland, Ungarn oder 
Jugoslawien zu begegnen.


A propos Belgrad

Im Dezember 1996 war die kleine, lokale Belgrader Radiostation B92 der 
beruehmteste Sender der Welt. BBC World Service, CNN, Deutsche Welle, ueberall 
berichtete man ueber die Ab-schaltung von B92 durch die serbische Regierung. B92 
hatte offen die Proteste der serbischen Opposition gegen die Annulierung der 
Kommunalwahlen unterstuetzt und war zu einer wichtigen Koordinationsstelle fuer 
die Demonstrationen geworden, zu denen sich tausende von Belgradern jeden Tag 
aufmachten. So liess die Milosevic-Regierung die B92-Frequenz zuerst stoeren, und 
dann schliesslich den Sender beim staatlichen Funkturm ganz abschalten.

Ein Sturm der Entruestung brach los. Die Informationen ueber die Ereignisse waren 
innerhalb weniger Stunden durch das Internet und durch Telefonnetze verbreitet, und 
internationale Medien, Journalistenverbaende und Regierungen begannen, Druck auf 
das Milosevic-Regime auszuueben. In diesen Stunden bekam Drazen Pantic, Leiter 
der Internetaktivitaeten von B92, einen Anruf aus den USA von Progressive 
Networks, dem Hersteller der RealAudio-Software, mit deren Hilfe erstmals Live-
Audiosignale in befriedigender Qualitaet ueber das Internet ausgesendet werden 
konnten. Das Angebot war einfach: B92 erhaelt einen starken RealAudio-Server, mit 
dessen Hilfe es sein Programm unabhaengig von den serbischen Sendeanlagen 
verbreiten kann, Gegenleistungen keine, ausser dass Progressive Networks auf diese 
Weise zusammen mit B92 in die Weltoeffentlichkeit treten wuerde.

Innerhalb weniger Tage war der RealAudio-Server bei XS4ALL in Amsterdam 
installiert, die auch vorher schon eng mit B92 zusammengearbeitet hatten, und das 
Programm von B92 war fortan nicht mehr nur im Zentrum Belgrads, sondern ueberall 
da zu hoeren, wo es einen Internetanschluss gab. Die Website von B92, die seit 
Herbst 1995 mit Unterstuetzung der Soros Foundation betrieben wurde, war 
ploetzlich eine der wichtigsten Quellen der internationalen Medien fuer die neuesten 
Nachrichten ueber die Belgrader Winterproteste. Ausserdem erreichte das Programm 
auf einmal auch die weltweite serbische Diaspora, d.h. viele von denen, die in den 
vorangegangenen Jahren aus dem Land weggegangen waren.

Keine drei Tage nach der Abschaltung war B92 auch in Belgrad wieder in der Luft. 
Mit fadenscheinigen Erklaerungen wurde die Unterbrechung auf technische Probleme 
geschoben, und das Milosevic-Regime rueckte einen Schritt naeher an die 
Anerkennung der Wahl-ergebnisse vom November heran, die im Februar 1997 
endgueltig erfolgte. Wie immer der politische Konflikt in Serbien sich danach 
weiterentwickelt hat, B92 hatte mit seinem RealAudio-Programm ein ueberzeugendes 
Beispiel fuer die Moeglichkeiten des Internet als Rundfunkmedium erbracht, wie auch 
fuer die schiere Unmoeglichkeit, Internetinhalte von staatlicher Seite effektiv zu 
kontrollieren.


Spinnen im Budapester Netz

Seit 1991 hatten ungarische Universitaeten und Forschungsinstitute im Rahmen einer 
staat-lichen Infrastrukturmassnahme begrenzten Zugang zum Internet. Da dies jedoch 
ein begrenzter Zugang fuer nur wenige war, entwickelte sich in Ungarn mit heute 133 
registrierten Bulletin Board Systems (BBS) ein recht grosses Netz von Mailbox-
Systemen, von denen sich ungefaehr die Haelfte in Budapest befinden. Zu den 
beliebtesten "store and forward" oder offline Systemen zaehlen u.a. FidoNet, 
HappyNet, FreeNet und Green Spider, welches vom regionalen Umweltzentrum 
betrieben wird und hunderte von Mitgliedsorganisationen mit News und e-mail 
versorgt. "BBS networks" - so John Horvath -"are an important fabric to the 
Hungarian world of networking. The problem with the Internet is that it is very slow 
and anglo-centrist. Hence, Hungary's extensive BBS network acts as an alternative to 
the Internet."

1995 aenderte sich einiges: Einerseits waren Internet-Zugaenge mit dem Internet-
Boom von 1995 und dem Entstehen von einem Dutzend kommerzieller ungarischer 
Internet Service Providers (ISP) leichter und billiger zu haben, so dass viele Mailbox-
Betreiber ihre Aktivitaeten ins Internet verlegten. Andererseits stattete Bill Gates dem 
Land hoechstpersoenlich einen Besuch ab, um endlich dem illegalen Handel mit 
raubkopierter Software in Ungarn den Garaus zu machen: "The use of illegal 
software," so der Budapester Journalist Tams Bodoky,"is so widespread, that it is 
common even in state organisations and offices, and there is a joke about the single 
copy of Microsoft Word, licensed to 'Hungary'." Auf Gates Besuch folgte eine regel-
rechte Denunziationskampagne gegen die Benutzer raubkopierter Software, initiiert 
von der Business Software Alliance (BSA), deren Konsequenzen auch einige Sysops 
lokaler BBS Systeme zu spueren bekamen. Ein Grund mehr, um sich schleunigst 
einen Internet account zu besorgen. 

Im ISP Bereich droht jedoch heute durch die Aktivitaeten der ungarischen Telekom 
MATAV, die teils staatlich, zum groessten Teil aber im Besitz der MagyarCom (ein 
Joint Venture zwischen Deutscher Telekom und Ameritech) ist, eine neue 
Monopolisierung. MATAV hat bis ins Jahr 2018 das Monopol ueber alle Leitungen 
und kontrolliert schon heute den groessten Teil der internationalen Bandbreite in 
Ungarn. Im Januar 1997 wurde der Access Provider MATAVNet gegruendet, der, so 
wird befuerchtet, alle anderen ISPs verdraengen koennte.

Der Budapester Stuetzpunkt der in Osteuropa sehr einflussreichen 'Soros Foundation 
for an Open Society' heisst C3 - Center for Culture and Communication, 
hervorgegangen Ende 1996 aus dem oertlichen 'Soros Center for Contemporary Art'. 
Man hat sich dort die Befoerderung der Cyberkultur auf die Fahnen geschrieben: 
aufwendige Praesentationen und Produktionen von Medienkunst- und Netzprojekten. 
Auch engagiert sich die Stiftung - nicht nur in Budapest, sondern auch in allen 
anderen osteuropaeischen Laendern - im Rahmen ihres 'regional Internet program' 
fuer den Ausbau von Internetzugaengen und e-mail Kommunikation - allerdings 
geradenicht im Sinne der access for all' policy, also der Forderung nach allgemeinem 
Internet-Zugang. Fuer diese Haltung ist die Soros-Stiftung in letzter Zeit sehr scharf 
kritisiert worden: "The most common problem is," - so der Amsterdamer 
Medienaktivist Geert Lovink -"the 'xs4us' policy, the so-called 'closed society'. Their 
internet is only accessable for officials and 'organisations', not for individuals. This is 
the essence of the NGO ideology, not specific 'Soros'." Diese access for us' Strategie, 
die auf den Aufbau eines Soros-eigenen Intranetzes abzuzielen scheint, hat schon 
mehrfach Anlass zu Spekulationen ueber die wirtschaftlichen Interessen der Soros-
Stiftung im osteuropaeischen Telekommunikationssektor gegeben. 

Diskussionen wie diese ueber das Internet, seine Eigenheiten und die damit 
verbundenen politischen Probleme und Chancen, werden seit 1995 auf der von Pit 
Schultz (Berlin) und Geert Lovink (Amsterdam) initiierten Nettime Mailingliste 
gefuehrt. Mit einer inzwischen auf ueber 450 Abonnenten angewachsenen Gruppe 
von Beteiligten aus allen Teilen Europas und anderen, nichteuropaeischen Laendern 
hat sich hier eine Schar von enthusiastischen DiskutandInnen, KuenstlerInnen und 
MedienaktivistInnen unter dem Banner der 'Netzkritik' zusammengefunden. Bei 
regelmaessigen Treffen und in gemeinsamen Projekten werden diese Ideen auch 
wieder in gemeinsame Praxis umgesetzt. Auch wegen des Gemeinschaftscharakters - 
und der voelligen Nichtkommerzialitaet - hat der australische Kulturtheoretiker 
McKenzie Wark Nettime als "die europaeische Antwort auf Wired" bezeichnet.


Ljubljana_West

Das bislang groesste Nettime Treffen fand im Mai 1997 in Ljubljana statt, wo sich 
schon vor dem Internet-Hype eine der aktivsten Medienkunstszenen Europas 
tummelte. Die Existenz seiner umtriebigen Szene hat Ljubljana damit nicht so sehr 
der Tatsache zu verdanken, dass Slowenien - so der Werbespruch der einheimischen 
Tourismusbranche - "auf der sonnigen Seite der Alpen" liegt. Vielmehr gab es in der 
Stadt schon in den 80er Jahren, also zu der Zeit, als Slowenien noch eine Teilrepublik 
des ehemaligen Jugoslawien war, mit dem Kuenstler-kollektiv Neue Slowenische 
Kunst (v.a. Laibach), der Industrial-Rockgruppe Borghesia und VideokuenstlerInnen 
wie z.B. Marina Grzinic und Aina Smid eine sehr starke und radikale (Medien-
)Kunstszene. Dazu kam, dass das Anfang der 90er Jahre gegruendete Soros Center for 
Contemporary Art (SCCA) in Ljubljana sehr frueh die kuenstlerische Arbeit mit 
neuen Medien unterstuetzte. Beim Internet Portfolio Programm (1996) beispielsweise 
wurde zehn KuenstlerInnen aus Ljubljana im Rahmen eines Workshops die 
Moeglichkeit gegeben, sich intensiv mit dem World Wide Web zu beschaeftigen, um 
es besser fuer die Dokumentation ihrer Arbeit sowie fuer eigenstaendige Netzkunst-
Projekte nutzen zu koennen.

Als Ableger des SCCA wurde 1995 Ljudmila, das Ljubljana Digital Media Lab 
gegruendet. Neben der Organisation oeffentlicher Veranstaltungen, Workshops zum 
Internet, der Zusammenarbeit mit Radio Student -einer der aeltesten, noch 
bestehenden unabhaengigen Radiostationen Europas - und Publikationen 
internationaler MedientheoretikerInnen in slowenischer Sprache verfuegt die 
Ljudmila auch ueber einen Netzserver, auf dem Projekte von KuenstlerInnen, 
unabhaengigen kulturellen Organisationen und politischen Initiativen realisiert 
worden sind. Ausserdem hat Vuk Cosic kuerzlich das Projekt "Ljudmila_West" 
angekuendigt, das - in Anlehnung an die auf Kooperation mit osteuropaeischen 
Kuenstlern ausgerichtete V2_East Initiative der Rotterdamer V2_Organisatie - 
KuenstlerInnen aus dem "Westen" finanzielle und organisatorische Unterstuetzung 
bei der Realisierung ihrer Projekte im "Osten" bieten soll. Wird der braindrain von 
nun an ostwaerts fliessen?

Auf dem Server von Ljudmila befindet sich auch ein Zugang zu dem 
'intergalaktischen web loop' "Refresh", einem im September 1996 in Rotterdam, 
Ljubljana und Moskau gemeinsam begonnenen Netzkunstprojekt. Klickt man auf 
"fresh", so wird man von dem Programm auf eine theoretisch unendliche Internet-
Tour geschickt: alle 10 Sekunden erscheint automatisch die naechste Webseite der 
'intergalaktischen Achterbahn'. Eine absurde Maschine, die sich die Aesthetik des 
Maschinischen zu eigen macht. "Refresh" gehoert, wie auch die Projekte von Heath 
Bunting, von Jodi.org, Vuk Cosic und Alexej Shulgin, zu einer netzspezifischen 
Kunstform, fuer die in letzter Zeit der Begriff "net.art" gepraegt wurde und die schon 
1997 auf internationalen Ausstellungen und Festivals vertreten ist.


Riga Cowboys Go West

Die Tuerklingel geht, es ist 3 Uhr morgens, 18. September 1996. Vier Gestalten, die 
durchaus einem Kaurismaeki-Film entstiegen sein koennten, schaelen sich aus dem 
Auto, das sie eben von Riga nach Rotterdam gebracht hat. Geht das? Es geht!

Die vier jungen KuensterInnen kommen zum Treffen des V2_East/Syndicate 
Netzwerks, einem informellen Verbund von damals rund achtzig Leuten, die in der 
einen oder anderen Weise mit Medienkultur zu tun haben und die an der 
Verbesserung der Kontakte zwischen Ost und West interessiert sind. Die Rigaer 
arbeiten seit Anfang 96 an der Realisierung des E-Lab, einer Werkstatt fuer Kunst 
und Medien, die im September 96 noch ein einzelner, kleiner Raum mit zwei Tischen, 
einem Computer und einem Telefon ist. Das lettische Kulturministerium hat kein 
Geld, das Projekt zu unterstuetzen, bei der Soros Foundation, die im gleichen 
Gebaeude sitzt, ist man skeptisch, ob hiervon viel zu erwarten sein wird. An der 
Kunstakademie gibt es Sympathien, obwohl das nun gerade die Institution ist, von der 
die E-Lab-KuenstlerInnen geflohen sind, weil die Akademie in Bezug auf die Arbeit 
mit neuen Technologien keine Perspektiven bot.

Die Idee fuer das E-Lab war im Herbst 1995 im Nachbarland Estland bei der ersten 
Interstanding-Konferenz in Tallinn entstanden, wo eine internationale Gruppe von 
MedientheoretikerInnen und -kuenstlerInnen zu einem kritischen Meinungsaustausch 
zusammentraf ueber die Chancen und Probleme der Informationsgesellschaft, die 
natuerlich auch an den baltischen Laendern nicht vorbeigehen. Fuer KuenstlerInnen 
aus diesen Laendern wurde neben den aktuellen Debatten zur Medienkultur ein 
internationales Netzwerk von Leuten sichtbar, an dem sie mitknuepfen konnten. In 
Riga suchte man sich daraufhin einen Raum und setzte das Gespraech aus Tallinn in 
woechentlichen Diskussionsrunden ueber Kunst, Technologie, Internet und das Cross-
Over zwischen diesen Bereichen weiter fort. Schnell entwickelte sich eine kleine, 
vitale Zelle der Cyberkultur' in Riga.

Kaum ein Jahr spaeter berichten Rasa Smite und Jaanis Garancs in Rotterdam von den 
ersten Erfolgen des E-Lab. Bald darauf gewaehrt die Soros Foundation 
Unterstuetzung fuer die Verbesserung der technischen Ausstattung, und das E-Lab 
nimmt online teil an einer Reihe internationaler Projekte und Netzwerkinitiativen. 
Noch im November 1996 wird das E-Lab offiziell eroeffnet mit einer Konferenz und 
einem Kuenstlerfest, zu dem Gaeste u.a. aus Moskau, Berlin, Budapest, Amsterdam 
und London nach Riga reisen. Und im Fruehjahr 97 etabliert das E-Lab das Internet-
Radio OZOne, eine Website, auf dem mithilfe von RealAudio-Software Techomusik, 
Klangkunst und Sound-Experimente zu hoeren sind.

Da das E-Lab noch keinen eigenen Internetserver besitzt, werden die Audiofiles bei 
XS4ALL (Amsterdam) und beim Radio Internationale Stadt (RIS, Berlin) abgelegt. 
Das WWW macht es moeglich, dass die OZOne-Website gleichzeitig aus Riga und 
Berlin seine Daten abruft: auf der einen Haelfte des Bildschirms sind die Seiten aus 
Riga zu sehen mit Informationen ueber die verschiedenen Programme und Projekte, 
und in der rechten Haelfte stehen die Seiten vom RIS, wo man durch Anklicken die 
Audiofiles direkt aus Berlin abfragen  kann.

Ob das tatsaechlich Radio aus Riga ist, darueber streitet das E-Lab sich jetzt mit den 
lettischen Rundfunkbehoerden. Die sagen, dass die KuenstlerInnen eine Lizenz 
brauchen, weil sie Soundfiles oeffentlich zugaenglich machen - obwohl dies 
eigentlich in Berlin geschieht, wo doch lettische Rundfunkgesetze kaum wirksam sein 
duerften. Derlei Auseinandersetzungen zeigen, wie sehr viele Bereiche des Internet 
noch immer rechtsfrei sind, und wie schnell eine neue Software die Gesetzgeber in 
Zugzwang bringen kann. Wie lange dieser Schwebezustand noch anhaelt, und wie 
lange Radio OZOne senden wird, wird nicht zuletzt davon abhaengen, ob die Staaten 
auch das Internet zu einem monopolistisch genutzten Massenmedium machen 
werden, oder ob es die offene, flexible Spielwiese bleiben wird, die es jetzt in grossen 
Teilen noch ist.

Auch wenn das Internet in Osteuropa wegen der oekonomischen, technischen und 
auch der kulturellen Situation fuer viele Menschen noch kaum eine Bedeutung 
gewonnen hat, so gibt es doch eine ganze Reihe von Initiativen, die sich mit dem 
Interessantesten messen koennen, was anderswo auf den globalen Netzen getrieben 
wird. Die Leitungen sind offen, der Kampf um Bandbreiten und besseren Zugang geht 
weiter.

Texte:
- Tamas Bodoky, Fear & Loathing in Hungary, Nettime Mailing List, Dec. 19, 1996
- John Horvath, The Soros Network, Nettime Mailing List, Feb. 7, 1997
- Geert Lovink, The Art of Being Independent, Nettime Mailing List, May 13, 1997
- Drazen Pantic, Impressions from non-virtual trips: from Baku hotel to London train, Syndicate Mailing List, April 25, 1997

URLs
"Siberian Deal" von Kathy Rae Huffman und Eva Wohlgemuth 
A.P. Ershov Institute of Informational Systems (IIS) 
B92  
Nettime  
V2_East  
Ljudmila  
E-Lab  


Berlin/Rotterdam, July 1997